
Der moderne Kleinkrieg
Friedrich August Freiherr von der Heydte – Der moderne Kleinkrieg als wehrpolitisches und militärisches Phänomen

Fokus: Kleinkrieg, verdeckter Kampf, Staatsterrorismus
„Der moderne Kleinkrieg“ erschien 1972. Friedrich August Freiherr von der Heydte beschreibt darin Terror, Sabotage und Attentat als Mittel einer Politik, die den offenen Krieg vermeidet. Die US-Militärforschung zählt das Buch zu den eigenständigen deutschen Beiträgen zur Theorie des irregulären Krieges. In dieser Rubrik steht es wegen einer Frage, die nach jedem größeren Anschlag gestellt wird: Steht ein Staat dahinter?
Zusammenfassung für Eilige
1972 legte der Fallschirmjägeroffizier und Völkerrechtler Friedrich August von der Heydte eine Theorie des Kleinkriegs vor. Terror, Sabotage und Attentat beschreibt er als Mittel, die revolutionäre Bewegungen ebenso einsetzen wie Staaten. Die These, jeder Terrorismus sei Staatsterrorismus, wurde erst im Umfeld der Neuausgabe von 1986 formuliert.
Vom Fallschirmjäger zum Völkerrechtler
Heydte (1907–1994) war Staats- und Völkerrechtler, hochdekorierter Offizier und CSU-Politiker. 1941 führte er als Bataillonskommandeur bei der deutschen Luftlandung auf Kreta. Später lehrte er in Würzburg. Dort erschien das Buch 1972 bei Holzner als Band 3 der Würzburger wehrwissenschaftlichen Abhandlungen. Zehn Jahre zuvor hatte Heydte mit einer Anzeige gegen die Herausgeber des Spiegels die Spiegel-Affäre ausgelöst.
Krieg aus dem Dunkel
Im Kleinkrieg kämpfen nach Heydte kleine Gruppen. Entschieden wird er in vielen Einzelaktionen statt in wenigen Schlachten: Überfälle, Terrorakte, Sabotage, Sprengstoffanschläge.
Kleinkrieg ist „Krieg aus dem Dunkel“.
Irregular warfare is „war out of the dark.“
Friedrich August von der Heydte, Modern Irregular Warfare, New York 1986, S. 3–4, zitiert nach Johann Hindert, German Views of Irregular Warfare, Naval Postgraduate School 2015. Übersetzung Loreley-Blog.
Sein Modell hat drei Phasen. Auf die Vorbereitung mit Konspiration, Propaganda und Ausbildung folgt der verdeckte Kampf mit Terror, Sabotage und Attentat, schließlich der Übergang zum offenen Kampf. Den Kleinkrieg wertet Heydte als ebenso neuen Kriegstyp wie den Atomkrieg. Das Gewaltverbot des Völkerrechts und die atomare Drohung drängten die Staaten nach dieser Analyse in Konflikte außerhalb völkerrechtlicher Normen, so die Rezeption im österreichischen Bundesheer.
Steht hinter jedem Anschlag ein Staat?
Heydte nennt zwei Formen des Kleinkriegs: den einer revolutionären Bewegung gegen den eigenen Staat und den eines Staates, der verdeckt gegen einen anderen kämpft. In einem Gespräch zur Neuausgabe von 1986 führte er den Terrorismus der Anti-Kernkraft-Bewegung auf sowjetischen Einfluss zurück, ohne dafür einen Beleg zu nennen.
Das Vorwort dieser Ausgabe schrieb Lyndon H. LaRouche Jr., US-Publizist und Gründer der Zeitschrift Executive Intelligence Review. 1995 machte er die Frage nach der Behörde oder dem Interesse hinter den Terroristen zur ersten Frage jeder Analyse. Im selben Text schrieb er die Morde an Alfred Herrhausen und Detlev Rohwedder britischen Interessen zu. Als Beleg nannte er ungenannte Geheimdienstkreise.
Drei dokumentierte Fälle zeigen unterschiedliche Befunde:
- Gladio: Das Europäische Parlament stellte am 22. November 1990 in einer Entschließung fest, militärische Geheimdienste seien in mehreren Mitgliedstaaten nach gerichtlichen Ermittlungen in schwere Terrorakte verwickelt gewesen.
- RAF: Die Stasi verschaffte laut Stasi-Unterlagen-Archiv zwischen 1980 und 1983 zehn RAF-Aussteigern neue Identitäten in der DDR. Eine Steuerung der RAF ist nicht belegt.
- Oktoberfest-Attentat 1980: Der Generalbundesanwalt fand bis zur Einstellung im Juli 2020 keine zureichenden Anhaltspunkte für weitere Beteiligte. Opferanwalt Werner Dietrich und BR-Redakteur Ulrich Chaussy kritisieren die Ermittlungen bis heute.
Antiquarisch und ohne Hörbuch
Beide deutschen Ausgaben sind nur antiquarisch erhältlich, ein Hörbuch gibt es nicht. Die Neuausgabe von 1986 (Wiesbaden) enthält LaRouches Vorwort und ein Gespräch mit dem Autor. Wer Heydtes eigene Argumentation lesen will, greift zur Erstausgabe von 1972. 1986 erschien das Buch auf Englisch, 1988 gab es die peruanische Marine für ihre Stabsoffiziere heraus.
Der Text ist militärwissenschaftlich und setzt Interesse an Militärtheorie und Völkerrecht voraus. Er eignet sich für Leser, die verstehen wollen, wie verdeckte Kriegführung im Kalten Krieg theoretisch gedacht wurde.
Loreley-Einordnung
Sun Tzu, Machiavelli und Brzezinski behandeln Macht, die offen ausgeübt wird. Heydte beschreibt ihre verdeckte Form. Sein Buch liefert die Begriffe, mit denen sich ein Anschlag einordnen lässt: als Tat einer Bewegung, eines Staates oder eines Geheimdienstes. Welche Antwort im Einzelfall zutrifft, entscheiden die Belege.
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