
Friedrich Meinecke – Die Idee der Staatsräson in der neueren Geschichte

Fokus: Staatsräson, Macht und Moral, Machiavellismus
„Die Idee der Staatsräson in der neueren Geschichte“ erschien 1924. Der Historiker Friedrich Meinecke verfolgt darin den Gedanken, dass der Staat eigenen Gesetzen folgt, von Machiavelli bis ins 19. Jahrhundert. Das Buch steht in dieser Rubrik, weil der Begriff Staatsräson seit 2008 zu den zentralen Formeln deutscher Außenpolitik gehört.
Zusammenfassung für Eilige
Für Meinecke ist Staatsräson die Maxime staatlichen Handelns: Der Staat muss sich selbst erhalten und stärken, auch gegen moralische Bedenken. Macht und Sittlichkeit, Kratos und Ethos, bauen nach Meinecke gemeinsam den Staat, stehen aber in einer unauflösbaren Spannung zueinander. Das Buch ist zugleich Geschichte und Warnung.
Berlin, nach dem Ersten Weltkrieg
Friedrich Meinecke (1862–1954) war nach der Encyclopaedia Britannica der führende deutsche Historiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er lehrte in Straßburg, Freiburg und Berlin und gab von 1896 an die Historische Zeitschrift heraus, bis ihn die Nationalsozialisten 1935 absetzten. 1948 wurde er erster Rektor der neu gegründeten Freien Universität Berlin.
Meinecke entwickelte sich vom Bewunderer Bismarcks und des Machtstaats zu einem gemäßigten Liberalen. Die „Idee der Staatsräson“ spiegelt nach Britannica den Widerspruch zwischen Macht und Moral, in den ihn der Erste Weltkrieg geführt hatte.
Kratos und Ethos
„Kratos und Ethos zusammen bauen den Staat und machen Geschichte.“
Friedrich Meinecke, Die Idee der Staatsräson in der neueren Geschichte, 1924
Meinecke beginnt mit Machiavelli, den er als ersten sieht, der das Wesen der Staatsräson erkannt habe. Von dort folgt er dem Gedanken über Bodin, Botero, Campanella und Naudé, über Pufendorf, Grotius, Hobbes und Spinoza bis zu Friedrich dem Großen. Am Ende stehen Hegel, Fichte, Ranke und Treitschke.
Gegenüber seinem früheren Werk revidiert er dabei eine Hoffnung. Hatte er zuvor geglaubt, Macht und Sittlichkeit fänden im Nationalstaat zusammen, sieht er nun nach Darstellung des brasilianischen Ideenhistorikers Bernardo Ferreira eine tragische und unauflösbare Spannung zwischen beiden. Machtpolitik lasse sich nach Meinecke nie ganz aus der Welt verbannen.
Staatsräson als Formel deutscher Außenpolitik
Am 18. März 2008 sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Knesset: Die besondere historische Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels sei „Teil der Staatsräson meines Landes“. 2021 nahm die Ampelkoalition den Satz erstmals in einen Koalitionsvertrag auf. Bundeskanzler Olaf Scholz griff ihn nach dem Angriff der Hamas im Oktober 2023 in einer Regierungserklärung auf.
Juristisch ist der Begriff unbestimmt. Der Politikwissenschaftler Johannes Varwick weist darauf hin, dass Staatsräson in der Regel einen Vorrang von Staatsinteressen bezeichnet, auch unter Inkaufnahme von Verstößen gegen Moral und Recht. Ein Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung spricht von einer paradoxen Umkehrung: Ein Begriff, der auch unmoralisches Handeln rechtfertigte, werde zum moralischen Prinzip umgedeutet. Genau diese Spannung zwischen Kratos und Ethos ist Meineckes Thema.
Handbuch oder Anklage?
Britannica hält fest, das Buch sei sowohl als Handbuch als auch als Verurteilung der Machtpolitik gelesen worden. Es ist umfangreich, ideengeschichtlich dicht und setzt Kenntnisse der frühneuzeitlichen Staatslehre voraus. Die Erstausgabe erschien 1924 bei Oldenbourg, eine englische Übersetzung 1957 unter dem Titel „Machiavellism“.
Das Buch eignet sich für Leser, die wissen wollen, woher ein Begriff kommt, der in der deutschen Politik heute ohne nähere Bestimmung verwendet wird.
Loreley-Einordnung
Machiavelli steht am Anfang der Geschichte, die Meinecke erzählt. Max Weber trennt Gesinnungs- und Verantwortungsethik, Carl Schmitt lässt die Moral ganz hinter die Entscheidung zurücktreten. Meinecke hält an beiden Polen fest und zeigt, dass jede Berufung auf die Staatsräson die Frage nach ihrem Verhältnis zur Moral aufwirft.
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