Buchcover: John J. Mearsheimer – The Tragedy of Great Power Politics, Updated Edition
Mearsheimer – Tragedy of Great Power Politics

John J. Mearsheimer – The Tragedy of Great Power Politics

Fokus: Großmächte, Realismus, NATO-Erweiterung

„The Tragedy of Great Power Politics“ erschien 2001, eine aktualisierte Ausgabe 2014. Der Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer begründet darin die Theorie des offensiven Realismus. Das Buch steht in dieser Rubrik, weil Mearsheimer mit dieser Theorie seit 2014 den Konflikt um die Ukraine erklärt und dafür scharf kritisiert wird.

Zusammenfassung für Eilige

Nach Mearsheimer zwingt das Fehlen einer übergeordneten Macht die Staaten, auf Kosten der anderen nach Vorherrschaft zu streben. Selbst friedliche Staaten geraten so in einen dauernden Machtkampf. 2014 führte er die Ukrainekrise vor allem auf die NATO-Osterweiterung zurück. Seine Kritiker sehen die Ursache in der russischen Innenpolitik.

Chicago, 2001: die Theorie des offensiven Realismus

Mearsheimer lehrt als R. Wendell Harrison Distinguished Service Professor Politikwissenschaft an der University of Chicago. Das Buch erschien 2001 bei W. W. Norton, kurz nach den Anschlägen vom 11. September. Der Verlag stellte es gegen die verbreitete Erwartung, nach dem Kalten Krieg beginne eine Zeit dauerhaften Friedens. 2014 folgte eine aktualisierte Ausgabe.

Jede Großmacht strebt nach Vorherrschaft

Im internationalen System gibt es keine Instanz über den Staaten. Großmächte müssen ihre Sicherheit deshalb nach Mearsheimer selbst herstellen. Am sichersten ist die Lage eines regionalen Hegemons, der zugleich verhindert, dass anderswo ein zweiter entsteht.

Die USA handeln dabei als „Offshore Balancer“, als Ausgleichsmacht von außen. Sie überlassen die Eindämmung eines aufstrebenden Rivalen zunächst den Mächten vor Ort. Erst wenn dieser die Vorherrschaft in seiner Region zu erringen droht, greifen sie mit eigenen Kräften ein. Für China sagte Mearsheimer 2001 voraus, der Wettbewerb mit den USA werde sich verschärfen, unabhängig von jeder Politik der Einbindung.

Wer trägt die Verantwortung für die Ukrainekrise?

Im Herbst 2014, nach der Annexion der Krim, veröffentlichte Mearsheimer in Foreign Affairs den Aufsatz „Why the Ukraine Crisis Is the West’s Fault“.

„Die Hauptwurzel des Problems ist die NATO-Erweiterung.“

„The taproot of the trouble is NATO enlargement.“

John J. Mearsheimer, Why the Ukraine Crisis Is the West’s Fault, Foreign Affairs, September/Oktober 2014. Übersetzung Loreley-Blog.

Daneben nannte er die Osterweiterung der EU und die westliche Unterstützung der Demokratiebewegung in der Ukraine. Michael McFaul, früherer US-Botschafter in Moskau, widersprach in der folgenden Ausgabe. Mearsheimers Erklärung könne nicht begründen, warum Russland seine Truppen zwischen dem Beginn der NATO-Erweiterung 1999 und 2014 aus der Ukraine heraushielt. Ursache der Krise sei die russische Innenpolitik. Eine Analyse des European Leadership Network wandte zudem ein, unter Präsident Viktor Janukowitsch sei ein NATO-Beitritt der Ukraine von der Tagesordnung verschwunden.

Deutschland war an dieser Vorgeschichte direkt beteiligt. Auf dem NATO-Gipfel in Bukarest im April 2008 blockierten Deutschland und Frankreich einen Membership Action Plan (Aktionsplan zur Mitgliedschaft) für die Ukraine und Georgien. Die Gipfelerklärung sagte beiden Ländern dennoch die künftige Mitgliedschaft zu. Angela Merkel verteidigte ihre Haltung später: Wer ein Land aufnehme, müsse bereit sein, es im Angriffsfall tatsächlich zu verteidigen.

Englisch, 550 Seiten, kaum Innenpolitik

Das Buch umfasst in der Erstausgabe rund 550 Seiten und liegt auf Englisch vor, das Hörbuch ebenfalls nur auf Englisch. Die Theorie behandelt Staaten als Einheiten. Innenpolitik, Ideologie und einzelne Führungspersonen spielen kaum eine Rolle. McFaul hielt Mearsheimer gerade vor, für die Ukraine dann doch auf Führungspersonen und ihre Ideologien zurückzugreifen.

Das Buch eignet sich für Leser mit guten Englischkenntnissen, die amerikanische Großmachtpolitik aus der Sicht eines Theoretikers verstehen wollen. Sein Kritiker McFaul zählt ihn zu den folgerichtigsten Vertretern der realistischen Schule.

Loreley-Einordnung

Zbigniew Brzezinski beschrieb 1997 als früherer Sicherheitsberater, wie die USA Eurasien ordnen sollten. Mearsheimer liefert die Theorie, mit der sich die Reaktion anderer Großmächte auf eine solche Ordnung erklären lässt. Ob sie die Ukrainekrise erklärt, ist umstritten. Die Gegenpositionen erschienen in derselben Zeitschrift, und Mearsheimer hat dort auf sie geantwortet.

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