
Jonas Tögel – Kognitive Kriegsführung

Fokus: Cognitive Warfare, NATO, Manipulationstechniken
Seit 2020 treibt die NATO ein Konzept voran, das den menschlichen Verstand zum sechsten Kriegsschauplatz erklärt – neben Land, Wasser, Luft, Weltraum und Cyberraum. Der Regensburger Propagandaforscher Jonas Tögel hat es für ein deutsches Publikum aufgearbeitet. Das Buch steht in dieser Rubrik, weil es zeigt, wohin sich die Techniken von Bernays und Le Bon entwickelt haben: von der Öffentlichkeitsarbeit als standardisierter Technik der Beeinflussung und Steuerung zur Waffengattung.
Zusammenfassung für Eilige
„Kognitive Kriegsführung. Neueste Manipulationstechniken als Waffengattung der NATO“ erschien 2023 bei Westend, rund 250 Seiten, inzwischen in fünfter Auflage. Jonas Tögel beschreibt quellengestützt, wie Militärstrategen Wahrnehmung, Denken und Gefühle der eigenen und fremden Bevölkerung beeinflussen wollen – und schließt mit einer Übersicht, wie sich diese Techniken erkennen und neutralisieren lassen.
Ein Amerikanist, der über Nudging forscht
Tögel promovierte an der Universität Augsburg über Soft Power und Motivation und forscht heute am Institut für Psychologie der Universität Regensburg. Seine Schwerpunkte sind Propaganda, Motivation und Nudging, also die verhaltensökonomische Kunst, Entscheidungen zu lenken, ohne sie zu verbieten. 2025 legte er mit „Kriegsspiele“ ein Folgebuch zu NATO-Planspielen vor. Im Interview mit der Berliner Zeitung beruft er sich auf Aldous Huxleys Warnung von 1959, künftige Diktaturen würden Menschen so lenken, dass sie ihre Beherrschung nicht mehr als solche empfinden. Diesen Einfluss ohne sichtbaren Zwang nennt Tögel Soft Power.
Der Kampf um Köpfe und Herzen
Das Buch arbeitet die Geschichte der Kriegspropaganda auf, bevor es zum eigentlichen Gegenstand kommt: der digitalen und kulturellen Manipulation als militärischer Disziplin. Tögel stützt sich auf NATO-Dokumente und Studien aus dem Umfeld des Bündnisses. Nach der Rezension im Freitag schrieb die NATO 2021 einen Innovationswettbewerb zur kognitiven Kriegsführung aus, den das US-Unternehmen Veriphix gewann. Der Anmerkungsteil umfasst rund 40 Seiten; die Belege sind überprüfbar. Der Freitag zitiert aus dem Buch den Militärpsychologen Michael Matthews, nach dessen Einschätzung die Psychologie über Sieg und Niederlage entscheiden kann – gemeint ist die Psyche der Kriegspartei ebenso wie die der unterstützenden Bevölkerungen. Das Schlusskapitel bietet eine Übersicht der Manipulationswaffen und Hinweise, wie der Einzelne sich ihnen entzieht.
Was hat Cognitive Warfare mit Corona zu tun?
Thematisch nichts. Der aktuelle Bezug des Buches ist der Krieg in der Ukraine. Methodisch dagegen viel: Die Programme, die Tögel beschreibt, nahmen ab 2020 Fahrt auf, im selben Jahr, in dem Regierungen weltweit verhaltenswissenschaftliche Beratergremien einsetzten, um die Bevölkerung zur Befolgung der Maßnahmen zu bewegen. Tögels Fachgebiet, das Nudging, ist das Bindeglied. Die Werkzeuge der kognitiven Kriegsführung lassen sich in der Pandemiekommunikation wiedererkennen – diese Brücke muss der Leser allerdings selbst schlagen.
Grenzen und Zielgruppe
Der Blick liegt fast ausschließlich auf der NATO. Forschungen in Russland und China streift Tögel nur, nach eigener Begründung wegen der Sprachbarriere – eine offen benannte, aber spürbare Schieflage. Für ein Corona-Buch im engeren Sinn sind Mausfeld oder Maaz die bessere Wahl. Geeignet ist das Buch für Leser, die verstehen wollen, wie Manipulation heute institutionell organisiert wird, und für Leser, die ihre eigenen Abwehrkräfte schärfen möchten.
Loreley-Einordnung
Bernays nannte sein Handwerk „Propaganda“, die NATO nennt es „Cognitive Warfare“. Tögels Buch zeigt, dass zwischen beiden Begriffen hundert Jahre Professionalisierung liegen. Für die Rubrik ist es die Brücke vom Klassiker zur Gegenwart, für die Corona-Frage der Methodenkasten, mit dem sich die Pandemiekommunikation gegenlesen lässt.
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