
Hans-Joachim Maaz, Dietmar Czycholl, Aaron B. Czycholl – Corona-Angst

Fokus: Massenpsychologie, Angst, Maßnahmen
Mitten im zweiten Lockdown stand ein Buch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, das nicht nach dem Virus fragte, sondern nach den Menschen, die sich vor ihm fürchteten. Drei Psychotherapeuten und Psychologen beschreiben darin, was die Pandemie in der Psyche anrichtete und welche Rolle Politik und Medien dabei spielten. Es steht in dieser Rubrik, weil es die Massenpsychologie Le Bons am lebenden Objekt beobachtet – aus dem Behandlungszimmer heraus.
Zusammenfassung für Eilige
„Corona-Angst. Was mit unserer Psyche geschieht“ erschien 2020 bei Frank & Timme. Der Psychiater Hans-Joachim Maaz und die Psychologen Dietmar und Aaron B. Czycholl deuten die Pandemie als Angstgeschehen: Hysterie, Gehorsam, Masken und Abstand werden psychologisch gelesen, die politische Kommunikation als Verstärker. Ein Zeitdokument aus dem ersten Pandemiejahr, kein Rückblick.
Ein Chefarzt aus Halle und zwei Praktiker
Hans-Joachim Maaz leitete von 1980 bis 2008 die Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniewerk Halle. Bekannt wurde er 1990 mit „Der Gefühlsstau“, einer psychologischen Analyse der DDR-Gesellschaft. Dietmar Czycholl ist Psychologischer Psychotherapeut mit eigener Praxis, sein Sohn Aaron B. Czycholl Gesundheits- und Rechtspsychologe, der laut Verlagsangaben Behörden und Ministerien in Kommunikationsanalytik schult. Das Buch umfasst 192 Seiten und erreichte im Februar 2021 Platz 20 der SPIEGEL-Bestsellerliste.
Panik, Hysterie, Leviathan
Die Kapitelfolge zeigt die Richtung. Von Maaz stammen die Beiträge „Pandemie – Panikdemie – Plandemie“ und „Corona-Hysterie“; der Autor des „Gefühlsstaus“ liest die kollektive Reaktion als psychisches Geschehen, nicht allein als Antwort auf eine medizinische Lage. Dietmar Czycholl betitelt sein Kapitel „Leviathan, verschnupft“ und nimmt damit Thomas Hobbes’ Staatsungeheuer auf: den Staat, der Sicherheit gegen Unterwerfung tauscht. Aaron Czycholl widmet sich „Masken und Abständen“, also den sichtbarsten Zeichen der Maßnahmenzeit, aus dem Blickwinkel der Kommunikationsanalytik. Am Ende steht Jakob van Hoddis’ expressionistisches Gedicht „Weltende“ von 1911 – ein Hinweis darauf, dass Untergangsstimmung älter ist als jedes Virus.
Wie Angst Gehorsam erzeugt
Für die Frage nach der Steuerung von Gesellschaften liefert das Buch den Blick von innen. Es fragt, warum Angstkommunikation wirkt, und sucht die Antwort beim Empfänger: bei Menschen, die bereits verunsichert sind und in der Regel einen Halt finden. In der Rezension des Nordkurier wird hervorgehoben, dass die Autoren dabei auch die Verantwortung der Politiker benennen, statt allein den Einzelnen zu adressieren.
Grenzen eines Buches aus dem ersten Pandemiejahr
Das Buch entstand 2020, bevor Impfstoffe, Übersterblichkeitsdaten oder die RKI-Protokolle vorlagen. Seine Deutungen sind psychoanalytisch, also Interpretationen, keine empirischen Befunde; wer Daten zur Wirksamkeit von Maßnahmen sucht, ist hier falsch. Der Kapiteltitel „Pandemie – Panikdemie – Plandemie“ greift ein Schlagwort aus dem Maßnahmenprotest auf; Leser sollten das Kapitel daraufhin prüfen, was Maaz damit konkret behauptet. Geeignet ist das Buch für Leser, die verstehen wollen, warum Angstkommunikation so tief in den Alltag eindringen konnte, und für Leser, die damals das Gefühl hatten, mit ihren Zweifeln allein zu sein.
Loreley-Einordnung
Mausfeld beschreibt, wie Angst von oben erzeugt wird; Maaz und die Czycholls beschreiben, wo sie unten ankommt. Zusammen ergeben beide Bücher das Bild eines Kreislaufs: Die Kommunikation setzt den Reiz, die verunsicherte Psyche nimmt ihn auf und verlangt nach mehr Schutz. Das Buch ist ein Zeitdokument, und gerade als solches unersetzlich.
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