Buchcover: Robert Michels – Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie, vor alten Lederbänden
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Robert Michels – Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie

Fokus: Parteien, Oligarchie, innerparteiliche Demokratie

„Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie“ erschien 1911. Der Soziologe Robert Michels formuliert darin das „eherne Gesetz der Oligarchie“: Jede große Organisation bringt eine Führungsschicht hervor, die sich der Kontrolle ihrer Mitglieder entzieht. Das Buch steht in dieser Rubrik, weil es die Machtverhältnisse innerhalb der Parteien untersucht, auf denen die parlamentarische Demokratie ruht.

Zusammenfassung für Eilige

Michels untersuchte die SPD, die sich als demokratischste Partei ihrer Zeit verstand. Sein Befund: Auch sie war in eine führende Minderheit und eine geführte Mehrheit gespalten. Organisationszwänge, der Machtwille der Führung und die Passivität der Mitglieder erzeugen nach Michels zwangsläufig eine Oligarchie.

Köln, Turin, Perugia

Robert Michels (1876–1936) stammte aus Köln und war seit 1903 Mitglied der SPD. Trotz des öffentlichen Einsatzes von Max Weber verweigerten ihm die Universitäten Marburg und Jena wegen seiner Parteimitgliedschaft die Habilitation. Er habilitierte sich 1907 in Turin, lehrte später in Basel und wurde 1913 italienischer Staatsbürger.

Weber holte ihn 1913 als Mitherausgeber an das „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“. Nach 1911 wandte sich Michels vom Sozialismus ab. Nach Angaben des Historischen Lexikons der Schweiz trat er 1922 in Mussolinis Partito Nazionale Fascista ein und lehrte ab 1928 in Perugia, unter anderem an der faschistischen Parteihochschule.

Wer Organisation sagt

„Wer Organisation sagt, sagt Tendenz zur Oligarchie.“

Robert Michels, Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie, 1911

Michels nennt drei Ursachen, die nach der Neuen Deutschen Biographie unausweichlich zur Herrschaft einer Elite führen.

  • Organisation: Eine Partei mit festen Zielen braucht Bürokratie, Fachleute und eine dauerhafte Leitung.
  • Führung: Wer eine Machtposition errungen hat, verteidigt sie.
  • Mitglieder: Die Mehrheit der Mitglieder bleibt ohne politische Orientierung und ohne Kraft, die Führung zu kontrollieren.

Demokratie nach außen setzt danach Oligarchie nach innen voraus.

Die SPD als Fallstudie, damals und heute

Michels wählte die SPD, weil sie zu ihrer Zeit die größte und am besten organisierte sozialistische Partei der Welt war und den Anspruch innerer Demokratie am deutlichsten vertrat. Bei der Reichstagswahl 1912 gewann sie ein Drittel der Stimmen.

Ende 2025 hatte die SPD nach Zahlen des Berliner Parteienforschers Oskar Niedermayer 348.451 Mitglieder und verlor allein in diesem Jahr 8.665. Die Gesamtzahl der Parteimitglieder in Deutschland hat sich laut Bundeszentrale für politische Bildung seit 1990 halbiert. Mit Michels’ Begriffen stellt sich damit die Frage, wie viel Kontrolle eine schrumpfende Basis über Parteiführungen ausüben kann, die über Listenplätze, Ämter und staatliche Mittel entscheiden.

Zu deterministisch?

Kritiker halten Michels’ Gesetz für zu deterministisch. Schon Max Weber widersprach seinem Schüler brieflich. Der Organisationsforscher Thomas Diefenbach argumentierte 2018 in der Fachzeitschrift Organization Studies, demokratische Organisationen verfügten über eine ganze Reihe von Mitteln, um Oligarchisierung zu vermeiden. Ein Beitrag in der bpb-Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte kam zum hundertsten Jahrestag des Buches zu dem Schluss, Elitenherrschaft lasse sich nur durch institutionelle Regeln begrenzen.

Das Buch ist umfangreich und materialreich. Die gängige deutsche Ausgabe erschien bei Kröner, zuletzt 1989 in vierter Auflage. Es eignet sich für Leser, die Parteien von innen verstehen wollen, nicht nur ihr Auftreten nach außen.

Loreley-Einordnung

Max Weber beschreibt Parteiapparate als Bedingung der Massendemokratie. Simone Weil will die Parteien abschaffen. Michels liefert den empirischen Befund dazwischen: Die Oligarchie entsteht auch dort, wo alle Beteiligten Demokratie wollen. Mit diesem Befund lässt sich jede Partei prüfen, unabhängig von ihrer Richtung.

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