
Thomas A. Seidel, Sebastian Kleinschmidt (Hg.) – Folgerungen aus der Corona-Krise

Fokus: Angstpolitik, Aufarbeitung, Zivilcourage
Kaum ein Buch zur Pandemie hat eine bewegtere Geschichte als dieses. 2023 erschien es in einem kirchlichen Verlag, war nach wenigen Monaten vergriffen und wurde vom Mehrheitseigentümer des Verlags aus dem Verkauf genommen. 2025 kam es überarbeitet und erweitert neu heraus – mit einem früheren Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts unter den Autoren. Es steht in dieser Rubrik, weil es die Frage nach den Profiteuren der Angst stellt und an der eigenen Geschichte zeigt, wie eng der Debattenraum dafür war.
Zusammenfassung für Eilige
„Folgerungen aus der Corona-Krise. Angst, Glaube, Zivilcourage“ erschien 2025 bei R. Brockhaus. Der Sammelband vereint Juristen, Virologen, Immunologen, Theologen und ehemalige Politiker, die Angst als Mittel der Pandemiepolitik untersuchen und eine konsequente Aufarbeitung fordern. Er ist die Neuausgabe eines Bandes, den die evangelische Publizistik 2023 vom Markt genommen hatte.
Ein Buch, das aus dem Verkauf genommen wurde
Die erste Fassung erschien im Juli 2023 als Band 8 der Reihe Georgiana bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig, unter dem Titel „Angst, Politik, Zivilcourage. Rückschau auf die Corona-Krise“. Im November 2023 nahm das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik den Band aus dem Verkauf. Nach dem Bericht des Nordkurier berief es sich auf eine Prüfung, die wesentlichen Passagen demokratiefeindliche, geschichtsrevisionistische, verschwörungsideologische und antisemitische Narrative zuschrieb. Im März 2024 erhielten die Herausgeber die Rechte zurück. Thomas A. Seidel räumte später ein, eine Passage sei missverständlich gewesen und hätte korrigiert werden müssen; das Verbot nannte er eine Überreaktion. Den Vorsitz der Internationalen Martin Luther Stiftung gab er ab, wie der Nordkurier im April 2024 berichtete.
Angst als Herrschaftsinstrument?
Die Neuausgabe gliedert sich in drei Teile: Formen der Angst, Wege aus der Gefahr, Aufarbeitung. André Kruschke fragt ausdrücklich nach der Angst als Herrschaftsinstrument, Rochus Leonhardt nach dem Staat als Arzt. Der Virologe Klaus Stöhr, früher Leiter des Influenza-Programms der Weltgesundheitsorganisation, schreibt gemeinsam mit Detlev H. Krüger über das Virus, die Seuchenbekämpfung und die Angst. Die Strafrechtlerin Frauke Rostalski, bis 2024 Mitglied des Deutschen Ethikrats, und Hans-Jürgen Papier, von 2002 bis 2010 Präsident des Bundesverfassungsgerichts, fordern die rechtliche Aufarbeitung. Geleitworte stammen von der früheren Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht und dem Publizisten Alexander Kissler; die frühere Bundesfamilienministerin Kristina Schröder schreibt unter dem Titel „Hört auf die Wissenschaft!“.
Was sich gegenüber 2023 geändert hat
Der Autorenkreis hat sich gegenüber 2023 deutlich verändert. Mehrere Beiträger der ersten Fassung, darunter Vera Lengsfeld und Ulrich Teusch, finden sich im Inhaltsverzeichnis der Neuausgabe nicht mehr; hinzugekommen sind Stimmen aus Wissenschaft und Staatsrecht, die dem Band breitere Anschlussfähigkeit verschaffen. Ein Sammelband bleibt uneinheitlich, und die theologischen Beiträge über Furchtlosigkeit und Auferweckungshoffnung sprechen vor allem kirchlich gebundene Leser an. Geeignet ist das Buch für Leser, die eine Bilanz der Angstpolitik aus der Mitte der Gesellschaft suchen – und für Leser, die wissen wollen, was in einem Buch steht, das zunächst vom Markt genommen wurde.
Loreley-Einordnung
Mausfeld und Tögel beschreiben die Technik, Maaz die Psyche, Meyen den Apparat. Dieser Band liefert die Bilanz von Juristen, Medizinern und früheren Amtsträgern, die das Geschehen aus Staat, Wissenschaft und Kirche heraus bewerten. Seine Verlagsgeschichte ist selbst ein Beleg für das, was er untersucht: Auch die Debatte über die Angst stand unter Angst.
Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Wenn Sie über diese Links kaufen oder hören, erhält Loreley unter Umständen eine Provision. Für Sie ändert sich am Preis nichts.




